Psychische Erkrankungen vor, während und nach einer Schwangerschaft

Frauen und Psyche ist ein Gemeinschaftsprodukt des Pharmakovigilanzzentrums für Embryonaltoxikologie mit der Abteilung für Gynäkologische Psychosomatik der Universitätsklinik Bonn (Prof. Anke Rohde).

Hier, auf den Seiten Frauen und Psyche finden Sie Informationen zu geschlechtsspezifischen Aspekten psychischer Erkrankungen mit besonderem Augenmerk auf die Schwangerschaft. Spezielle Informationen zu einzelnen Psychopharmaka und deren Risiken im Verlauf einer Schwangerschaft oder in der Stillzeit sind unter dem Menü Wirkstoffe/Produkte zu finden. Erfahrene Benutzer der Datenbank www.frauen-und-psychiatrie.de werden sich über die neue Oberfläche wundern. Vielleicht wurden Sie von dieser Adresse auf diese Seite umgeleitet. Wir haben die seit 2004 eigenständige, bisher technisch vom Thieme-Verlag betreute Datenbank nun in unsere Institutsseite www.embryotox.de integriert. Bitte beachten Sie unbedingt unsere allgemeinen Hinweise zur Nutzung dieser Informationsdatenbank.

Nahezu 20% aller Anfragen im Pharmakovigilanzzentrum für Embryonaltoxikologie betreffen die Behandlung einer psychischen bzw. psychiatrischen Symptomatik. Damit sind Psychopharmaka die mit Abstand am meisten gefragte Arzneigruppe in unserem Zentrum.

Schwerpunkte von www.embryotox.de sind naturgemäß Medikamente und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu deren Risiken oder - positiv ausgedrückt - zu deren Sicherheit. Das heißt aber nicht, dass in vielen Fällen psychische Erkrankungen nicht auch genauso wirksam oder sogar besser nicht-medikamentös oder begleitend mit einer psychotherapeutischen Methode behandelt werden können.

Obwohl die Mehrzahl psychisch kranker Frauen zwischen Pubertät und Klimakterium erkrankt, ist der Umgang mit Fragen der Fertilität, Schwangerschaft, Postpartalzeit, Menstruationszyklus und Perimenopause für Psychiater und erst recht für Ärzte anderer Fachrichtungen nicht die tägliche Routine. Ob es sich um eine ungeplante Schwangerschaft bei einer psychisch kranken Patientin handelt, die ein Medikament oder möglicherweise sogar mehrere Psychopharmaka nimmt, oder um eine Patientin, die gezielt mit dem Thema Kinderwunsch kommt –€œ häufig fühlt man sich als Psychiater, Gynäkologe oder Hausarzt in Klinik und Praxis von diesen Themen und den Fragen der Patientinnen überfordert. Die Gabe von Psychopharmaka in der Schwangerschaft oder bei stillenden Müttern ist häufig angstbesetzt –€œ sicher nicht zuletzt durch den mittlerweile 50 Jahre zurückliegenden Contergan-Skandal. Aus dem Gefühl der Fürsorge für die Patientin und das ungeborene Kind resultiert nicht selten eine spontane, nicht immer gut durchdachte Empfehlung, die Medikation bei Feststellung einer Schwangerschaft abzusetzen oder umzustellen. Und leider ebenfalls nicht selten resultiert daraus die psychische Destabilisierung der Patientin, die Notwendigkeit einer erneuten und manchmal dann deutlich höher dosierten Medikation bis hin zum Einzelfall mit katastrophalem weiteren Verlauf der Erkrankung.

Grundsätzliches zu Psychopharmaka in der Schwangerschaft

  • Von Ausnahmen abgesehen, in der Schwangerschaft möglichst kein Absetzen oder Medikationswechsel bei einer gut eingestellten Patientin! Dies gilt besonders für schwer einstellbare Patientinnen mit ausgeprägter Symptomatik.
  • Keines der klassischen Psychopharmaka hat sich beim Menschen als stark schädigend auf die Embryonalentwicklung gezeigt. Daher gibt es keinen Grund zur ernsthaften Sorge oder für einen Schwangerschaftsabbruch aus Furcht vor Medikamentenschäden.
  • Alle Psychopharmaka können bei Behandlung bis zur Geburt zu zentralnervösen, gastrointestinalen und respiratorischen Anpassungsstörungen beim Neugeborenen führen.
  • Bei einer antidepressiven Neueinstellung in der Schwangerschaft sind aufgrund des Erfahrungsumfangs Mittel der ersten Wahl: Amitriptylin, Imipramin, Nortriptylin aus der Gruppe der Trizyklika und Sertralin und Citalopram aus der Gruppe der selektiven Serotonin Wiederaufnahmehemmstoffe. Doch auch andere Mittel dieser Gruppen sind akzeptabel, zumal wenn diese sich bei einer Patientin nach schwieriger Einstellungsphase als vorteilhaft erwiesen haben.
  • Fluoxetin sollte aufgrund seiner sehr langen Halbwertszeit und der damit einhergehenden schlechten Steuerbarkeit gemieden werden.
  • Bei einer neuroleptischen Neueinstellung in der Schwangerschaft sind aufgrund des Erfahrungsumfangs Mittel der ersten Wahl: Flupentixol und Fluphenazin aus der Gruppe der Phenothiazine bzw. Thioxanthene, Haloperidol von den Butyrophenonen sowie aus der Gruppe der atypischen Neuroleptika Quetiapin und Risperidon und ggf. auch Olanzapin.
  • Aus der Gruppe der Phasenprophylaktika soll bei Schwangeren bzw. bei Planung einer Schwangerschaft möglichst nur Lithium oder Lamotrigin gewählt weden, da hier das teratogene Risiko am geringsten bzw. vernachlässigbar ist. Bei beiden Mitteln ist jedoch eine ausgeprägte Clearancesteigerung in der Schwangerschaft mit Dosisanpassung zu beachten.
  • Valproinsäure ist bei Frauen im reproduktionsfähigen Alter wenn irgend möglich zu meiden! 

Diese Empfehlungen der Mittel der ersten Wahl  ersetzen im Einzelfall keinesfalls die erforderliche differenzierte Betrachtung der speziellen Situation der Patientin mit psychiatrischer Vorgeschichte, Symptomatik und auch ihren eigenen Befürchtungen und Ängsten sowie eine individuelle Risikobeurteilung.

Wenn Sie diese Internetseite wegen einer konkreten Schwangerschaft lesen, bitten wir Sie, uns Einzelheiten zu dieser Schwangerschaft einschließlich der verwendeten Medikamente mitzuteilen. Sie können dafür unseren Online-Fragebogen verwenden oder uns anrufen. Auf diesem Wege können wir Sie auch individuell beraten, wenn Sie dies wünschen.
Hier finden Sie Angaben zum Datenschutz. Die Beratung ist kostenlos.

Die Informationen auf diesen Seiten beruhen auf dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand. Weiter führende Informationen und detaillierte Literaturangaben finden Sie z.B. in den von unserem Institut herausgegebenen Fachbüchern. Außerdem fließt der aktuelle Diskussionsstand in den einschlägigen psychiatrischen und teratologischen Fachgesellschaften in die Abfassung der Texte ein. Der besseren Lesbarkeit wegen haben wir auf Detailnachweise innerhalb der Texte verzichtet. Bei speziellen Fragen zum Literaturnachweis können Sie sich auch direkt an unser Institut wenden.